(Echte) Kunst hat immer mit suchen und (er)finden zu tun.

Kommt Kunst von Können?

Was ist Können? Sind Können und Qualität dasselbe? Wer definiert beides? Sie als Betrachter, Gelegenheitskäufer oder Privatsammler? Sind es die Galerien, die Akademien und ihre Professorenschaft? Welche Anteile haben die Museen? Beteiligen sich Mäzene, Förderer und Sponsoren an dieser Definition? Welchen Einfluss üben Zeitungskritiker, Kunstzeitschriftenautoren, Kunstbuchverlage, TV-Anstalten oder Event-Agenturen aus? Wo sind Ausstellungsmacher, Kuratoren, Kunsthistoriker, Museumspädagogen, Kunstvereine oder ganz allgemein Ausstellungsveranstalter einzuordnen? Schon diese noch nicht einmal vollständige Aufzählung lässt erkennen, wie undurchdringlich das Dickicht ist, in dem wir Künstler, um deren Arbeit es eigentlich geht, uns orientieren sollen. Mein Vorschlag, vergessen Sie einfach die sinnlose Diskussion, ob Kunst von einem wie auch immer definierten Können kommt. Tatsache ist, sie kommt von Künstlerinnen und Künstlern. Ohne uns kein Konzert, kein Theater, kein Kino oder Fernsehen, kein Museum, kein Bild an der heimischen Wand und auch keine Ausstellungen – eine düstere Vorstellung.

Der Faden in der Kunst - ein unterschätztes Material.

Wahrnehmen, ausprobieren, (er)finden, einer Sache auf den Grund gehen – für mich als Künstler beginnt dieses Abenteuer täglich neu. Dabei folge ich keinem Plan, ich spiele eher – egal, ob Kunst das Ergebnis ist. So habe ich etwas Altbekanntes neu entdeckt. Einfach, weil ich es bemerkte. Weil ich es anders wahrnahm als es meist wahrgenommen wird, nämlich als unscheinbares, gewöhnliches und gleichzeitig gebräuchlichstes Material der Welt. Ich rede vom Faden, genauer vom Nähfaden (nicht Schnur, Seil, Strick oder Tau). Seitdem bin ich von ihm gefesselt.

Ich befreie den Faden von seinen funktionellen Pflichten.

Seit Jahrhunderten steckt der Faden fest in Alltagsfunktionen: Stoffe, Knöpfe, Reißverschlüsse etc. zu verbinden und zu halten. Ich befreie ihn aus diesem Korsett und definiere seine Möglichkeiten neu. Dabei unterziehe ich den Faden einer radikalen Metamorphose: der vom bloßen Fixier- oder Ziermaterial zum autonomen künstlerischen Werkstoff.

Ich entdecke den Faden als Bruder des Zeichenstiftes.

Der Faden ist ein raffiniertes Ding voller Eigenschaften – auch zeichnerischen: scharfe Konturen mit geraden und geschwungenen Linien (ich nenne es plastisches Zeichnen) formen sich mit seiner Hilfe genauso wie grobe Reliefs, zufällige Gespinste, spannende Schichtungen oder andere freie Formen. So entstehen ohne oder in Verbindung mit Farbe neuartige bildnerische Arbeiten voll linearer Intensität, flirrender Struktur, zurückhaltender plastischer Präsenz.

Ich nehme den Faden auf ...

... und begebe mich in kilometerlangen reliefhaften Biegungen, Verschlingungen, Überschneidungen, Verknotungen, Drehungen etc. auf Entdeckungsreise. Mein künstlerisches Konzept des Fadens ist offen. In jedem meiner fertigen Bilder oder Objekte erreiche ich eines von vielen möglichen Etappenzielen auf meiner Reise zur Kunst, die immer wieder neu beginnt.

Der Faden fasziniert mich.

Faden-Collagen, wie ich sie mache, habe ich bisher nirgendwo anders gesehen. Sie lassen sich keiner der üblichen Kunstsparten zuordnen. Im Abstand betrachtet, wirken sie gemalt oder gezeichnet; nähert man sich ihnen aber, so entdeckt man plötzlich ihre Plastizität. Wer dicht genug davor steht, kann sich in ihren Relief-Schichten verlieren und erleben, wie die Fläche zu flirren beginnt und in Bewegung gerät. Dazu ist keine effektheischende Übergröße nötig, ein wohnzimmertaugliches Format von 80 x 100cm reicht aus (was nicht heißt, dass ich darauf verzichte, auch mal ein größeres Format zu bearbeiten).

Die faszinierende Spannung in diesen Faden-Collagen entsteht aus dem Widerspruch, dass der Faden ein zutiefst widerspenstiges Material ist, das auf der Fläche zugleich fixiert und in die beabsichtigte Form gebracht werden muss. Zum Fixieren benötige ich einen speziellen Leimauftrag, der keine Spuren wie Schlieren hinterlässt; außerdem muss der Leim lange genug feucht bleiben, um das zu fixierende Fadenmaterial in Form bringen zu können, und schnell genug trocknen, um die Arbeit nicht allzu lange unterbrechen zu müssen.

Trotzdem ist der Arbeitsprozess sehr langwierig. Ich lege Fadenschicht über Fadenschicht, wobei auch unterschiedlich gefärbte Fäden zum Einsatz kommen. Jede Schicht muss einzeln fixiert und der anschließende Trocknungsprozess abgewartet werden. Die Fadenschichten entstehen aus dem Abwickeln von Fadenrollen – meist Rollen mit 100m Faden. Da in manchen Bildern bis zu 80 solcher Fadenrollen verarbeitet werden, ist es nicht ungewöhnlich, wenn es manchmal vier Wochen dauert, bis eine Arbeit fertig ist. 

 

Der Faden bietet mir ungeahnte Freiräume der Gestaltung mit den zartesten Übergängen zwischen der zwei- und dreidimensionalen Welt. Diese Freiräume auszuloten habe ich mir zur Aufgabe gemacht. Ich habe den Faden aufgenommen und gedenke nicht, ihn wieder zu verlieren, bevor ich ihm nicht seine faszinierendsten künstlerischen Möglichkeiten entlockt habe.

„Ein unverkauftes Bild an der Atelierwand macht so wenig satt wie ein gemaltes Schnitzel an derselben Wand."

Den Faden neu entdecken.

Ein Faden ist zunächst ein textiles Material aus mehreren oder vielen miteinander verbundenen/verdrehten Fasern; er ist lang, dünn und sehr biegsam. Er kann gewebt, gestrickt, gewirkt, getuftet oder anders weiterverarbeitet werden, um daraus Stoff, Kleidungsstücke oder andere Textilien wie Teppiche herzustellen.

Eigentlich ist ein Faden nur ein Abschnitt begrenzter Länge eines Garnes und man müsste daher richtigerweise zur Verwendung des Wortes "Garn" raten, wenn man von technisch unbegrenzten Längen spricht.

Beim dicken Faden geht der Begriff in den der Schnur über; noch dicker wird’s bei Seilen, Stricken oder Tauen; beim dünnen Faden in den der Faser, wobei Fäden oft selbst aus Fasern zusammengezwirbelt sind.

In der Sprache steht der Faden meist für Verbindungen und Zusammenhänge: Der Ariadnefaden war der griechischen Mythologie zufolge ein Geschenk der Prinzessin Ariadne an Theseus. Mit Hilfe dieses Fadens fand Theseus den Weg durch das Labyrinth, in dem sich der Minotaurus befand und, nachdem er ihn getötet hatte, auch wieder heraus. Der Tipp mit dem Faden kam von Dädalus, der das Labyrinth entworfen hatte.

Auf dieser Geschichte beruht die Redewendung Jemand hat den Faden verloren: Das bedeutet, dass jemand eine Argumentationskette nicht zu Ende führen kann oder sich nicht mehr erinnert, was er zuletzt gesagt hat. Wem das in einer Rede passiert, der tut sich häufig schwer, den Sinnzusammenhang wieder herzustellen, der sich eigentlich wie ein roter Faden durch die Rede ziehen sollte. Den Begriff des roten Fadens verdanken wir Goethe. In den „Wahlverwandtschaften“ und dort im „Tagebuch Ottiliens“ beschreibt er diesen Kennfaden der britischen Marine: „Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen“. Tatsächlich reduzierte die britische Marine damit die vor Durchführung dieser Maßnahme so häufigen Taudiebstähle.

Man kann also den Faden verlieren, ihn aber auch wieder aufnehmen. Am seidenen Faden hängt meist Kostbares, das es zu schützen gilt wie das Leben beispielsweise. Wer die Fäden in der Hand hält, kann effektvoll daran ziehen wie der Puppenspieler zeigt, auch wenn Puppen meist an Schnüren, also etwas dickeren Fäden bewegt werden.

Schon manchem ist der Geduldsfaden gerissen und damit ist, sofern dies in Bezug auf eine andere Person passiert, die Verbindung zu dieser Person gekappt. Um sie erneut zu knüpfen, wird es nötig sein, den anderen intensiv zu umgarnen – auch mit Worten und dabei fadenscheinige Ausreden tunlichst zu vermeiden. Manche Menschen verstehen sich prächtig aufs Einfädeln von Beziehungen, Verknüpfungen, Netzwerken. Und selbst der Spinner ist untrennbar mit dem Faden verbunden, hatten doch vor der industriellen Garn-Fertigung ausschließlich Spinnen und Raupen die Fähigkeit, einen Gespinstfaden zu produzieren, den sie anschließend verwoben. In der Textilindustrie wird der Faden der Seidenraupe zu Seide verarbeitet.

Im Bedeutungsumfeld des Fadens steht auch das Wort Bindfaden, der das Verbinden beinahe schon begrifflich werden lässt.
Aber befassen wir uns näher mit Fäden und Schnüren, die sich irgendwie in einem undeutlichen Zwischenstadium befinden: Einerseits gehört der Faden als von Händen oder Maschinen gemacht der Welt der Zweckhaftigkeit an. Gleichzeitig bieten seine Verfeinerung und Formung die Möglichkeit, ihn sozusagen einer höheren Bestimmung zuzuführen. Denn wozu ist ein Faden eigentlich nütze? Im Wesentlichen wohl, um Knöpfe anzunähen, Kleidungsstücke etc. zu fertigen, also etwas zusammenzuhalten. Doch darüber hinaus hat der Faden keinen klaren Auftrag. Während eine Wand schützt, ein Rad sich dreht, eine Jacke wärmt, ein Stuhl dem Sitzen dient, scheint der Faden ein Ding im Wartezustand zu sein, hin zu weiteren Bestimmungen und bis diese gefunden sind eher ein Ding ohne Eigenschaften – aber bei genauerer Betrachtung eines mit unzähligen Möglichkeiten. Da der Faden ohne System ist, steckt seine Qualität in seiner Gebrauchsoffenheit. Man muss ihn ergreifen und gestalten, um ihm so eine neue Funktion zu geben.
Der Faden auf der Rolle befindet sich also zunächst im Status des Noch-Nicht, bevor er in meinen 
Faden-Collagen den Status des Gewordenseins und damit das eigentliche Terrain der Kunst erreicht hat. Hier zeigt er im sich wiederholenden Einsatz seinen Reichtum an Möglichkeiten und vielfältigem Ausdruck.

Moderne Kunst in Konstanz

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